Bailout-CCR Prozeduren

Hier habe ich, aus meiner Sicht, die wichtigsten Punkte zum Tauchen mit einem BOCCR zusammengefasst (als Basis dient das CCR Liberty und dessen Funktionen):

20201222 074908Voraussetzungen:

  • Taucher mit sehr viel Erfahrung OC und CCR. Taucher haben heute generell weniger OC Skills, weil sie früh mit der CCR Karriere beginnen. Im Bailout-Fall greifen sie dann auf schlechte fundamentale Skills zurück. Enorm viel Erfahrung & konstantes Training sind der Schlüssel zum Erfolg.
  • Mindestens 200h auf dem Rebreather, davon über 20h mit hypoxischem Trimix oder Full Cave sowie eine Ausbildung mit dem entsprechenden Sidemount-Rebreather sollte die Mindestvoraussetzung sein.
  • Der Einsatz eines BOCCR oder Dual-CCR sollte immer dem Tauchgang angepasst sein. Die Komplexität ist ungemein höher und kann zu Überlastung führen. Der massgebende Faktor für den Einsatz eines BOCCR oder Dual-CCR wird wohl meist die Logistik sein. Die Konfiguration sollte trotzdem regelmässig getaucht werden, um die Prozeduren intus zu haben.
  • Wer seinen ersten CCR nicht zu 100% im Griff hat, jeden Fehlerzustand kennt und sinngemäss reagieren kann, der sollte nicht noch mit einem zweiten Gerät tauchen.

Ausrüstung:

"Die mentale Kapazität einer Person ist in Notfallsituationen sehr begrenzt"

  • Zwei identische Systeme sind von Vorteil, wenn nicht lebensrettend
    • Das Handling, die Funktionen, die Skills,... sind identisch. Keine neuen Situationen oder Fehlerquellen müssen im Notfall adaptiert werden. Die Komplexität lässt sich damit deutlich verringern.
    • Die reduzierte Komplexität erlaubt es sich daher auf die Situation und den Tauchgang zu konzetrieren.
    • Der Wechsel von einen bekannten und verlässlichen System auf ein anderes bekanntes und verlässliches System brnigt eine gewisse Konsistenz. Dasselbe gilt für Atemregler, Backupmaske, etc.
  • Beide Systeme müssen zwingend erlauben, die CCR in allen drei Modi (elektronisch gesteuert, manuell gesteuert und halbgeschlossen) als Rollback im Notfall zu betreiben. Dazu bedarf es viel Training und Erfahrung auf beiden Geräten.

Konfiguration:

  • Der Bailout-Rebreather wird rechts getragen
  • Der Atemschlauch verläuft quer über die Brust und wird mittels Karabiner am linken Brust-D-Ring eingeclippt
  • Auf der linken Seite wird ein Tiefen-Bailoutgas getragen, welches auf Zieltiefe atembar ist und einen möglicht grossen Tiefenbereich abdeckt (z.B. Tx 15/55). Für ganz tiefe Tauchgänge, solche über 100m, wird ggf. für das Bailout im Flachwasser noch ein zusätzliches Bailoutgas notwendig.

Vorbereitungen:

  • Bailout- und Hauptrebreather komplett prüfen. Ein Bailout-Rebreather muss genauso sorgfältig vorbereitet werden wie das Primärgerät, einschliesslich aller Tests und des Voratmens
  • Gaseinstellungen von beiden Geräten überprüfen
  • Vorzugsweise keine Shut-Offs einsetzen oder diese unbedingt prüfen auf geöffneten Zustand bei O2 und ADV. Ansonsten kann das Gerät durch den entstehenden Unterdruck komplett geflutet werden und wir begeben uns in Gefahr eines Lungen- oder Magen-Barotraumas.
  • Mundstücke sehr gut überprüfen. Diese werden bei den (pos./neg.) Tests nicht berücksichtigt, führen aber beim defekt zu einem Wassereinbruch in den Loop. Mundstücke sind beim Tauchen der häufigste Defekt.

Tauchen:

  • Vor jedem Wechsel auf den Bailout-Rebreather auf Unterdruck prüfen - Tiefenangaben identisch?, Atemschläuche und Gegenlungen nicht gequetscht?
  • Bei 3...5m (beim Safety Drill) spülen mit Diluent und Check des Bailout-Rebreathers (CCR Mode kurz aktivieren), Kontrolle, ob Diluent- und Sauerstoffflasche geöffnet sind.
  • Auf halber Zieltiefe und auf Zieltiefe auf den Bailout-Rebreather wechseln, ganz wenig Diluent manuell einschiessen und Atmen (CCR Mode kurz aktivieren)
  • Setpoints immer auf beiden Geräten gleichzeitig umschalten
  • Während dem Tauchgang alle 10...15min. auf den Bailout-Rebreather wechseln und Atmen (CCR Mode kurz aktivieren), Mundstück immer korrekt schliessen
  • Beim Auftauchen das Überdruckventil des Bailout-Rebreathers regelmässig betätigen/entlüften, um unnötigen Auftrieb zu vermeiden

Bailout:

  • Wechsel auf O/C Bailout-Stageregler oder umschalten mittels BOV, Tauchcomputer in O/C-Bailout Modus schalten und Beruhigungsphase
  • Bailout-Rebreather prüfen auf Unterdruck
  • Überprüfen des korrekten Setpoints
  • Wechsel auf Bailout-CCR und CCR Mode aktivieren - Auftauchen beginnen
  • Überdruckventil am Haupt-Rebreather komplett öffnen
  • Stageregler korrekt wegräumen
  • Während des Aufstiegs ist es notwendig, proaktiv expandierendes Gas aus allen Auftriebskörpern (Trocvkentauchanzug, Wing) und beiden Atemkreisläufen einschliesslich des Haupt-Rebreathers abzulassen (das geöffnete Überdruckventil hilft dabei sehr). Dies ist wohl eine der schwierigsten Tasks, speziell wenn noch DPV oder Fotoausrüstung dazukommen. Diesen gilt es regelmässig zu trainieren.

Warum OC-Bailout?

  • Das OC-Bailout wird im Notfall als "Transitionsgas" verwendet. Vor dem Wechsel auf den Bailout-Rebreather muss dieser zuerst kurz geprüft und vorbereitet werden.
  • Es gibt Zeit zum nachdenken, falls eine ungewöhnliche Situation mit dem Rebreather analysiert werden muss. Wenn man das Gefühl hat, mit dem CCR stimmt etwas nicht, dann lernt man bereits im ersten Kurs, auf OC zu gehen und alles zu prüfen.
  • Es hilft für die DSMB, Zusätzliches Inflationgas für Wing/Trockentauchanzug und unterstützt das Team bei gemischten Teams (OC und CCR)
  • Der Wechsel auf OC ist eine automatische, schnelle und intuitive erste Reaktion aus den ersten Tagen mit dem Rebreather. Es ist zudem eine Notfallreaktion, welche fast garantiert funktionsfähig ist.
  • Bei einer Hyperkapnie kann der Scrubber aufgrund der sehr hohen Atemrate theoretisch überatmet werden. Bei einem Wechsel auf OC kann man dieses Risiko verhindern. Bei der Gasplanung muss dies jedoch berücksichtigt werden. 10 bis 15 Minuten auf maximaler Tiefe müsste das Bailoutgas reichen.
  • Ja nach Tauchgang und Risikobetrachtung kann das OC Bailout bei einem defekt des Bailout-Rebreathers (2. Backup) den Weg bis zu einer deponierten Stageflasche überbrücken (3. Backup) oder zum Erreichen des Tauchpartners/Supporttauchers (4. Backup). Je nach Vertrauen in den Rebreather und dem "Keep It Simple and Stupid"-Ansatz (KISS) sind diese Möglichkeiten zu bewerten.
  • Beachte: OC Skills müssen regelmässig trainiert werden! Das Atemmuster bei CCR ist ein Anderes. Das AMV wird höher, und wenn man auf OC-Bailout geht muss dieser Mehrbedarf berücksichtigt werden. Regelmässige Überprüfung des AMV ist für CCR Taucher unerlässlich. Sonst plant man mit falschen Daten aus der Vor-CCR Ära.
  • Der OC-Bailout Regler wird vorzugsweise am Necklace um den Hals getragen oder im BOV integriert. Die Suche nach dem Regler auf der Stage dauert im Notfall oft zu lange (z.B. in einer Engstelle) und kostet wertvolle Zeit. Ein allfälliger Caustig Cocktail bleibt im BOV drin, daher ist ein Regler am Nacklace vorzuziehen. Der Wechsel der Mundstücke ist der wohl wichtigste Skill zum trainieren.
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